2 Reiseberichte 2014

1.Reisebericht:

Im Land des schlafenden Regenbogens

23.9.-10.10.2014

Vielleicht war es die Schönheit von Winnetou oder von Unkas, dem vorletzten
Mohikaner…..
Vielleicht war es deren tiefe Verbundenheit mit der Natur…….
Vielleicht war es deren selbstverständliches Auftreten: unverfälscht,
authentisch, irgendwie „echt“…….
Keine Ahnung, was es war. Meine Liebe zu den Indianern ist gefühlt schon
immer da. Somit war es für mich relativ schnell klar, dass eine Indianerreise in
meinem Sabbathjahr das einzige „Muss“ sein würde.
Im Internet stieß ich auf Astrid Bender und ihre 7Meilen-Reisen. Ich war sofort
so fasziniert, dass ich mich ohne weitere Recherchen, Vergleiche oder
Bewertungen für die Reise „Im Land des schlafenden Regenbogens“
anmeldete.

Ich sollte es nicht bereuen!!!!!

Wenn ich auch die Aufregung während der letzten Wochen vor Reisebeginn
kaum aushalten konnte, so bin ich dann doch relativ entspannt in Düsseldorf in
den Flieger gestiegen. Als 53-jährige Raucherin mit leichtem Übergewicht und
nur einem Mittelmaß an körperlicher Fitness dann allerdings doch
vorsichtshalber mit Stützstrümpfen und Aspirin ;-)
Nach einigen Kapriolen in Chicago kam ich wirklich pünktlich in Las Vegas an
und wurde von Astrid und einer gewaltigen Hitzewelle empfangen. Da ich die
erste unserer kleinen Gruppe war, konnte ich mich am nächsten Morgen nach
einem wundervollen Kennlernfrühstück mit Astrid allein auf Erkundungstour
durch Las Vegas machen. Diese Stadt ist ein gewaltiger Moloch der Superlative
im Positiven wie im Negativen, eine groteske Aneinanderreihung aller nur
denkbaren und undenkbaren Variationen des Stadtlebens. Höchstinteressant!
Unsere Gruppe wuchs um zwei Teilnehmerinnen an und wir unternahmen die
erste Wandertour zu den Red Rocks. Heiß, wundervoll, atemberaubend,
anstrengend: Herrlich!!!!!!

Als auch die beiden letzten Frauen angereist waren, konnten wir Las Vegas
endlich verlassen und bekamen bald einen Eindruck von der unendlichen Weite
und Schönheit dieses Landes und von übrig gebliebener Cowboyromantik. Eine
unendliche Vorfreude auf das, was uns noch erwarten würde, breitete sich aus.
Aber jetzt höre ich auf, die einzelnen Stationen dieser Reise zu beschreiben.
Das haben meine Vorgänger schon wunderbar und detailiert getan. Ich möchte
erzählen, was diese Reise mit mir gemacht hat.
Wir sind alle irgendwie auf der Suche. Manchmal wissen wir, wonach wir
suchen, manchmal wissen wir es nicht.

Auf dieser Reise wurde mir klar, dass das, was ich bei den Indianern zu finden
hoffte, bereits in mir wohnt. Wohl in jedem von uns, weil es tief menschlich ist.
Aber unsere heutige Gesellschaft und Lebensweise verschüttet diese Seite mit
soviel Müll. Wir wissen nicht mehr, was wir brauchen, was gut für uns ist..
Angesichts der unendlichen Weite, der zauberhaften Schönheit der Natur und
der fast hörbaren Stille wurde mir bewusst, dass hier ein menschliches
Grundbedürfnis liegt. Das Bedürfnis nach Freiraum und Ruhe, das Bedürfnis
nach körperlicher Anstrengung, um die eigenen Grenzen zu erfahren oder auch
zu überwinden, um Durst zu spüren, um sich auf ein einfaches Sandwich zu
freuen.

Als wäre das nicht schon genug gewesen, um tief bereichert wieder nach
Hause zu fahren.

Aber wir durften auch die Navajo-Indianer kennen lernen, diese tief
gelassenen, liebenswerten, zurückhaltenden Menschen.
Die drei folgenden Begebenheiten haben mich besonders beeindruckt:

– Die Schwitzhüttenzeremonie bei Eric im Monument Valley
In der Hitze und Enge dieser plastikummantelten Hütte, unter den
Gesängen in der Navajo-Sprache und den meditativen Anregungen über
einzelne Aspekte des Lebens nachzudenken, wurde mir so sehr bewusst:
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Das klingt so
selbstverständlich, hat aber für mich in diesem Moment eine viel tiefere
Bedeutung bekommen.

– Die Begegnung mit Buck, dem 90-jährigen Medizinmann
Dieser alte Mann hat uns nicht beurteilt, sondern ernst genommen in
unseren Sorgen und Nöten. Er hat uns soviel Mut gemacht, Trost und
Zuversicht ausgebreitet. Und aus seinen alten, zerknitterten
Gesichtszügen strahlte so unendlich viel tiefe Güte und – ich glaube –
Heiligkeit.

– Und dann gab es Kory,
die ihren 5-jährigen Sohn eng an sich geschmiegt durchs Haus trägt.
„Oh, was hat er denn?“ fragen wir wie aus einem Munde. „Er braucht nur
Liebe,“ war ihre ebenso schlichte wie überwältigende Antwort.

Wie unendlich viel können wir von diesen Menschen lernen.

Ich danke den vier Frauen, die sich zusammen mit mir auf dieses Abenteuer
eingelassen und dadurch mit dazu beigetragen haben, dass es so wertvoll
wurde. Ich danke Astrid für ihre quirlige, humorvolle, tiefgründige, energiegeladene,

ermutigende, offene, freundschaftliche und einfach wunderbare Art.
Ich werde den Ausritt auf „Mister Moonlight“, die Nacht in der Höhle, die
Strapazen am Navajo-Mountain, die kleine Maus, die mein T-Shirt gefressen
hat………und den Regenbogen über dem Rainbowplateau nie vergessen!!!!!

Und wer genug Bescheidenheit in puncto Luxus und Bequemlichkeit aufbringt,
aber genügend Anspruch in puncto Natur, Abenteuer und Menschlichkeit, der
sollte diese Reise unbedingt mitmachen.

Reisebericht-Astrid

Nach einer wundervollen Nacht unterm Sternenhimmel auf Eric´s Anhänger im
Monument Valley

Barbara Rolfes

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2. Reisebericht: 

Indianerland Britisch Kolumbien, im Land der Bären und Lachse

01. 07. – 20. 07.2014

Am Montag, den 30.06. geht die ersehnte Reise endlich los. Vom Flughafen Frankfurt/Main starte ich um 15:35h, um nach mehr als zehnstündigem Flug um 17:10h in Vancouver zu landen. Neun Stunden Zeitverschiebung schenken mir den Montag noch einmal. Astrid erwartet mich am Airport und fährt uns mit dem gemieteten Van zu unserem Hotel Ambassador. Ein erstes Staunen erfüllt mich beim Überqueren der Granville Bridge, die einen Blick auf die imposante Skyline Vancouvers preisgibt.

Vancouver ist eine relativ junge Stadt, vor ca. 150 Jahren am Pazifik auf Indianerland gebaut. Von hier starteten die Goldsucher ihren Weg entlang des Fraser River. Die Lage Vancouvers ist sehr besonders: im Westen der Ozean, im Osten hochaufragende Gebirge und dazwischen üppige Regenwaldvegetation, wie im Stanley Park noch zu bestaunen. Nicht minder faszinierend ist die glitzernde Hochhausbaukunst, die das moderne Stadtbild weithin sichtbar prägt. Der Kontrast von Natur und menschengeschaffenem Werk verbindet sich in der Zusammenschau zu einem beeindruckenden Gesamtbild.

Dienstag, 01. 07.: Die Nacht verläuft unruhig im brütend heißen Hotelzimmer, Geräusche und Gerüche der Großstadt drängen sich auf. Ich bin froh, noch diesen Tag zum Ankommen für mich allein zu haben, ehe das Reiseprogramm beginnt. Es ist Canada Day, der kanadische Nationalfeiertag zur Erinnerung an die Gründung am 01. Juli 1867. Die ganze Stadt ist in Feierlaune und bevölkert bei herrlichem Sonnenschein Straßenlokale, Rasenflächen und den False Creek. Ich lasse mich neugierig mit-treiben und schippere mit einem Aqua Bus über den Creek nach Granville Island. Bei Musik und Kleinkunstdarbietungen herrscht hier richtige Volksfeststimmung. In der großen Markthalle locken landwirtschaftliche Produkte und Meeresfrüchte. Menschen verschiedener Nationalitäten bieten an zahlreichen Essenständen ihre Gerichte an. Gegen Nachmittag meldet sich bei mir bleierne Jetlag-Müdigkeit und ich wandere Richtung Hotel zurück.

Mittwoch, 02. 07.: Jetzt ist unsere Reisegruppe vollzählig, das heißt fünf Frauen und zwei Männer sowie Astrid als Reiseveranstalterin. Das Hotel verfügt über eine Gästeküche und dort treffen wir uns zum gemeinsamen Frühstück und Kennenlernen. Das Programm sieht den Besuch des anthropologischen Museums vor. Mehr als vier Stunden verbringen wir in dieser sehr umfassenden völkerkundlichen Ausstellung. Ich fokussiere mich auf regionale Exponate und lasse die Holzschnitzereien an den riesigen Totempfählen,  Masken und Figuren auf mich wirken. Besonders beeindruckt hat mich eine große Holzskulptur von Bill Reid: “The Raven and the First Man”. Sie stellt eine Fabel dar, wonach die ersten Menschen an dieser Küste die ursprünglichen Haida First Nation waren. Im Außengelände des Museums sind “Langhäuser” errichtet, die ursprünglich der indianischen Bevölkerung als Wohn- und Versammlungsorte dienten.

Donnerstag, 03.07.: Besonderheit dieses Tages ist eine Fahrradtour zum und um den Stanley Park. Der 400 ha große Stadtpark ist entlang eines Seawall-Gürtels entspannt zu umrunden und fasziniert im Inneren mit riesigen alten Nadelbäumen und dichtem Wald. Wir rasten am Beaver Lake. Er ist überzogen mit blühenden Seerosen. Nach dem Großstadtgetümmel atme ich hier auf und genieße diesen schönen Teil Vancouvers.

Freitag, 04.07.: Heute ist Aufbruchstimmung. Alle freuen sich, dass wir nun die Stadt verlassen und ins Land hinein fahren. In unserem Van ist die letzte Lücke mit Taschen und Rucksäcken vollgestopft. Gut, dass Astrid dieses große Auto aus Seatle geholt hat, auch wenn es in einer Stadt wie Vancouver fast unmöglich ist, dafür einen Parkplatz zu ergattern. Es geht 350 Kilometer weit immer den Highway 99 entlang Richtung Nordosten. Ein Zwischenstopp in Whistler (ehemaliger Austragungsort olympischer  Winterspiele) ermöglicht uns den Besuch des Squamish und L`il`wat Cultural Centre. Hier lernen wir sehr anschaulich die traditionellen Sitten, Sprachen, Gebräuche sowie die gegenwärtige Kultur dieser beiden Indianervölker kennen, die in dieser Region ihren angestammten Lebensraum haben.

Wir reisen weiter durch eine reizvolle Landschaft. Die Straße schlängelt sich auf gebirgiger Strecke auf und ab und gibt immer wieder neue Eindrücke preis. Vorsichtshalber halten wir schon mal nach einem Bären Ausschau, schließlich fahren wir ja durch Bärenland. Vor Lillooet wird es nicht nur heißer, auch wird das Land karger, die Berghänge sind spärlicher bewachsen. Dafür entdecke ich an Seitenstreifen sich immer größer ausdehnende Flächen von silbrig leuchtenden Büschen: es ist “Prarie Sage”, ein Artemisgewächs mit intensivem Geruch, wenn durch Reibung der Blätter die ätherischen Öle freigesetzt werden.

Am Fraser Cove Campground, gegenüber des Ortes Lillooet,  haben schon viele Wochenendgäste ihre Zelte aufgeschlagen . Also klettern mehrere von uns über Stock und Stein das terrassenförmige Gelände zum Fluss hinunter und versuchen zwischen Geröll und bei starkem Wind ihr Zelt aufzubauen. Heringe einschlagen geht schon mal gar nicht, also werden um die Zeltschnüre dicke Steinbrocken geknotet. Zum Toilettenhäuschen geht es dann wieder den ganzen Berg hoch, zum Waschhaus noch eine Etage höher. Die Nacht wird unruhig, die Zeltplanen biegen sich und flattern laut im Wind, glücklicherweise weht mir kein Sand ins Zeltinnere.

Samstag, 05. 07.: Ich stehe zeitig auf und kann nun auch die raue Schönheit dieses Frasertals in mir aufnehmen. Das anthrazitfarbene Gestein bildet bizarre Formationen. Der Fluss strömt mit schneller Geschwindigkeit durch das Tal. Gegenüber am Berghang steigt ein Greifvogel auf, er bewegt sich mit der Thermik elegant und mühelos, ein wunderschönes Bild. Es ist wie eine Begrüßung des neuen Tages. Dieser beginnt mit Haferporridge und wird verfeinert mit leckeren Beeren, die hier am Platz an den Sträuchern wachsen.

Wir haben heute eine Verabredung mit den “Xwisten Experience Tours”. Dazu fahren wir an das andere Fraserufer und ein Stück aus Lillooet hinaus, wo wir schon von unserem indianischen Guide erwartet werden. Wir laufen einen trail zu den Fischgründen seines Volkes. Unten am Fluss befinden sich viele Holzgestelle, die für die Trocknung der Lachse benötigt werden. Wenn im August die Lachse den Fluss hinaufschwimmen, finden sich die Familien in ihren claims ein und fangen die Fische. Sie stellen das traditionelle Grundnahrungsmittel für die Indianer dieser Region dar. Eine Kostprobe dieses getrockneten Lachses überzeugt uns alle, das spätere Mahl mit gedünstetem Lachs, Reis und Gemüse ebenso. Vorher aber besuchen wir noch eine historische Stätte: “Prehistoric pithouse village”.  An diesem Ort befanden sich früher zahlreiche sogenannte Erdhäuser, die die traditionelle Wohnform der hier ansässigen First Nation darstellten. In einem Nachbau können wir etwas pithouse-Atmosphäre aufnehmen und erfahren, dass in diesen kreisrunden Bauten viele Familien Platz und Schutz fanden.

Den Nachmittag verbummeln wir in Lillooet. Der Ort befindet sich im Gebiet der St’at’imc (Stat-lee-um gesprochen) Nation. Abends haben wir die besondere Gelegenheit an einem pow wow als Zuschauer anwesend zu sein. Bei diesen Zusammenkünften indianischer Bands wird getanzt, gesungen, getrommelt, Kontakte werden gepflegt, Ereignisse miteinander geteilt und die Kultur lebendig gehalten. Ich sehe die Menschen sich mit einer Anmut und Hingabe bewegen und bin besonders von den ganz Kleinen beeindruckt, wie selbstverständlich sie den Rhythmus mit ihrem Körper schon ausdrücken können. Tanzen ist beten mit den Füßen, hier kann ich es spüren.

Sonntag, 06.07.: Heute ist wieder Reisetag, es geht 300 Kilometer weiter nördlich zum Xat’sull Heritage Village, hinter Williams Lake gelegen.  Am späten Nachmittag erreichen wir das Reservat der Soda Creek First Nation. Es ist ein Ankommen an einem Platz, bei dem sich alle sofort entspannen, ein spontanes Wohlfühlen ist da und die Gewissheit, willkommen zu sein. Ralph, ein Ältester der Xat’sull Band erwartet uns, das Lagerfeuer brennt bereits. Jeder findet auf der großen Wiese seinen Zeltplatz. Wieder taucht ein Greifvogel am Waldrand auf, dieses Mal deutlich erkennbar ein Weißkopfseeadler, welch ein Willkommensgruß!  Diese Nacht hat das Rauschen des Fraser River eine beruhigende Melodie.

Montag, 07.07. bis Freitag, 11. 07.: Ralph kommt schon zum Platz als wir noch am Frühstücken sind. Die ersten Geschichten werden ausgetauscht, ein entspanntes Kennenlernen beginnt. Zusammen mit einer seiner Enkelinnen führt er uns später über das Gelände, welches in einem kleinen Tal am Fraser River eine besonders schöne Lage hat. Neben Angeboten wie

  • Herstellung einer traditionellen Mahlzeit im Erdloch: pit cooking,

  • Heilkräuterwanderung,

  • Körbeflechten aus Schwarzkiefernadeln

  • Perlenstickerei

  • Schwitzhüttenzeremonie

  • Trommeln und Lehal Game

sind Ralphs Erzählungen nachhaltige Erfahrungen, die ich aus diesen Tagen mitnehme. Ralph berichtet mit berührender Offenheit seine eigene Geschichte und die seines Volkes. Ich höre von dem Leid eines Volkes, das seines Landes, seiner Sprache, seiner Heilkunst und all dessen, was seine traditionelle Lebensweise ausmachte beraubt wurde, von der Entfremdung der Kinder und von den dramatischen Folgen dieser jahrelangen systematisch betriebenen Entwurzelung. Und ich höre von der zögerlichen Hoffnung der Veränderung, indem sich einzelne Mitglieder der Natives ihrer Herkunft und Würde besinnen und sich für einen Weg der Tradition innerhalb der dominanten weißen Kultur einsetzen. Ralph betont immer wieder, mit offenem Herzen und Respekt auf alle Menschen zuzugehen, Vergangenheit und leidvolle Erfahrungen zu vergeben, sich zu öffnen, sich im Herzen zu begegnen. Einige Stichwörter seiner Unterweisungen:

Der Creator/Schöpfer zeigt sich in jedem Menschen, jedem Wesen, Baum, Stein… Zeigt Achtung und Respekt für alle Wesen. Die Natur gibt alles, was wir zum Leben brauchen: Nahrung, Medizin, Feuerholz, Wasser. Freie Tiere liefern uns gesundes Fleisch. Er legt uns nahe, miteinander zu teilen, was vorhanden ist, bescheiden zu sein, zum Schöpfer zu beten. Ralphs Worte sind vollkommen ehrlich und authentisch, so dass ich berührt und auch betroffen sein kann ohne Schuldgefühle aufzubauen. Sein besonderer Humor nimmt die Schwere aus den Erzählungen und mit einem Lachen kann er sich wieder Alltagsdingen zuwenden. Wir bedanken uns bei “unserer Indianerfamilie” mit einem Barbecue dafür, dass sie ihren Platz und ihre Geschichten mit uns geteilt hat.

Samstag, 12. 07.: Heute ist wieder Reisetag mit einem Zwischenstopp für einen Ausritt. Am Ende des Tages sind wir abermals in Lillooet. Eine Hitze von 43 Grad kocht uns schon seit Tagen mürbe und schlägt uns besonders hier im Tal entgegen. In dieser Nacht gibt es keine Abkühlung und so freuen wir uns auf den Seton Lake, der unser nächstes Ziel ist.

Sonntag, 13.07.: Die 78 Kilometer zum Seton Lake sind eine abenteuerliche Fahrt. Der Weg führt am Berghang entlang, teilweise über Schotterpisten ohne Leitplanken und in engen Haarnadelkurven geht es bergauf und bergab. Kompliment an Astrids souveräne Fahrweise! Uns eröffnen sich ständig neue reizvolle Landschaftseinblicke in Canyons, Schluchten, Plateaus. Am Ziel angelangt (Indianergemeinde Tsal’alh) gibt es zunächst einen Kneipenstopp, um das Fußballweltmeisterschaftsendspiel im TV live mit zu erleben, danach ist Schwimmen im Seton Lake angesagt. Gemeinsam mit einer indianischen Großfamilie teilen wir uns den Schatten eines Baums in der glühend heißen Sonne und kühlen uns im kalten Gebirgswasser des Sees ab. Eine freundliche und entspannte Sonntagnachmittags- Szenerie.

Montag, 14. 07.: Der Rückweg nach Vancouver führt uns eine wunderschöne Strecke am Fraser River entlang, vorbei an Lytton und mit einer Mittagspause in Hope. Die bizarre Wildheit des Flusses vermittelt die Urgewalt des Wassers, das sich unbeirrt seinen Weg durch die Berge gräbt und die Landschaft formt und ständig verändert.

Dienstag, 15. 07.: Nach einer Hotelübernachtung mit dem Luxus weicher, breiter Betten und dem Waschen schmutziger Wäsche erreichen wir unsere letzte Reiseetappe: Vancouver Island. Die Überfahrt bei strahlendem Sonnenschein in der frischen Seebrise ist ein Genuss, ebenso wie das leckere Softeis auf der Fähre. Am Cathedral Grove tauchen wir auf geführten Wegen in dichten Urwald ein. Riesige Farne, modernde Baumstümpfe, die eine Kinderstube junger Pflanzen nähren und riesige, z.T. 800-jährige Baumriesen lassen mich still und ehrfürchtig werden. Zwischen den tanzenden Sonnenstrahlen leuchten Grüntöne, wie sie nur die Natur erschaffen kann. Unser Ziel, das Surfs Inn in Ucluelet ist ein einfaches Hostel mit Selbstversorgerküche und Mehrbettzimmern. Somit haben wir alle Übernachtungskategorien einmal kennengelernt und die eigene Flexibilität.

Mittwoch, 16. 07.: Unser erster Tagesausflug nach Tofino. Hier sind die Nuu-chah-nulth First Nations (Nootka) beheimatet. In einem traditionellem Canoe der T’ashii paddle school und unter kundiger indianischer Leitung paddeln wir zum Meares Island. Dort gehen wir auf wackligen Holzplanken in den Urwald hinein, der noch viel ursprünglicher und undurchdringlicher auf mich wirkt als am Cathedral Grove. Gigantische Zedern wachsen hier seit Jahrhunderten, achtsam gehütet von den First Nations. Für sie ist es selbstverständlich, nur so viel der Natur zu entnehmen, wie benötigt wird. Wir entdecken an einigen Zedernstämmen Spuren, die zeigen, dass dort einmal Rinde geerntet wurde. Aus den Rindenstreifen wurden Kleidungsstücke und Körbe hergestellt. Auch zum Kanubau wurden große Zedern benötigt.

Donnerstag, 17. 07.: Der zweite Tagesausflug nach Tofino beinhaltet wieder eine Bootstour, diesmal mit Joe Martin und seinem Motorboot. Joe hat früher die traditionellen Dugout canoes gebaut. Jetzt fährt er mit Gästen zu den Buchten und Inseln vor Vancouver Island, um Wildtiere beobachten zu können. Und wir haben das große Glück, Schwarzbären aus geringer Nähe an den Stränden zu sehen. Die Tiere bleiben völlig entspannt während sie das Ufer nach Fressbarem absuchen. Sie wälzen riesige Steinbrocken mühelos zur Seite, um an die schmackhaften Kleintiere zu gelangen. Sogar eine Bärenmutter mit ihrem Jungtier bekommen wir zu Gesicht. Die Menschengruppe wird ganz still vor ehrfürchtigem Staunen.

Im Anschluss an die Tour treffen wir uns noch einmal mit Joe an einem Gedenkplatz mit Totem Pole und Erinnerungstafel. Einst hat auf diesem Land der Indianer eine Indian Residential School gestanden hat. Von 1906 bis 1986 gab es diese staatlichen Schulen. Im Namen von Government, sozialen Institutionen und Kirche wurden zweijährige Kinder bis zu fünfzehn Jahre ihren Eltern weggenommen und in den Residential Schools untergebracht. Im abgegrenzten Raum dieser Schulen erlitten diese Kinder entsetzlichen Missbrauch. Viele von ihnen wurden unschuldige Opfer sexueller, seelischer, körperlicher und spiritueller Gewalt. Sie wurden mit Kinderarbeit konfrontiert, verloren ihre Kultur, Sprache, Identität und erhielten nur mangelhafte Ausbildung. Viele Kinder starben durch Suizid, Mord oder Vernachlässigung.

Freitag, 18. 07.: Dieser letzte Tag in Ucluelet steht zur individuellen Gestaltung zur Verfügung. Also starte ich zeitig, kaufe mir unterwegs Verpflegung für den Tag und steige in den Wild Pazific Trail ein. Es handelt sich um eine gut ausgebaute 8 Kilometer lange Strecke entlang der zerfurchten Westküste Vancouver Islands. Alter, ursprünglicher Regenwald trifft hier auf den offenen Pazifischen Ozean. Wunderschöne Panoramen öffnen sich neu hinter jeder Wegbiegung und lassen mich staunend verharren. Wilde steinige Klippen, tiefe Landeinschnitte und bizarre,  vom Wind geformte Bäume prägen das Bild. Die Brandung klatscht kräftig gegen das Ufergestein. Ich bin dankbar, dass ich heute mein eigenes Tempo gehen kann und genieße das Schauen in Muße. Wenige Menschen begegnen mir, einige Einheimische mit ihren Hunden, die eine Bärenglocke um den Hals tragen. Noch einmal führt der trail zu einem Rundweg mit Ancient Cedars. So viel Fülle an einem Ort!

Samstag, 19. 07.: Wir beladen ein letztes Mal unseren Van, erreichen pünktlich die Fähre in Nanaimo, die uns zum Festland zurückfährt. In unserem ersten Hotel in der Granville Street beziehen wir wieder unsere Zimmer. Zum Abschied leisten wir uns ein leckeres Essen beim Thailänder in Yaletown. Damit ist die gemeinsame Reise beendet.

Sonntag, 20. 07.: Mein Flug geht erst am späten Nachmittag, so dass ich mir erst noch ein ausführliches kanadisches Frühstück in der Gaststätte um die Ecke unseres Hotels gönne. Scrabbled eggs mit brown toast und viel Kaffee sind eine gute Grundlage für den Tag. Ich schlendere noch einmal am False Creek entlang, wie vor drei Wochen, als ich hier ankam. Der Kreis ist geschlossen. Ich fahre bequem mit einem kleinen gelben Taxi zum Flughafen.

Résumé:

Im direkten Kontakt mit den First People in ihrem Land habe ich authentisch ihre Geschichten hören und von ihrem Weltbild lernen können. Sie zeigten sich offen, freundlich und bereit, versöhnlich aufeinander zuzugehen. Als Gast in ihrem Land habe ich mich willkommen gefühlt. Die kanadische Landschaft in ihrer Ursprünglichkeit, Weite und Schönheit hat mich wieder begeistert. Die Gelassenheit der Bevölkerung ist wohltuend. Ich bin dankbar, dass ich mit der erfahrenen und kundigen Astrid Bender die Möglichkeit hatte diese Reise zu erleben und diese vielfältigen Erfahrungen für mich einsammeln konnte.

Heidi Moseberg

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