Reisebericht ’01

Reisebericht:

 „ Die spirituelle und traditionelle Welt der

Navajo-Indianer“, Arizona/Süd-Utah,  Okt. 2001

Nach der Ankunft in Las Vegas mit all seiner Dekadenz und Irrationalität waren die 14 Tage danach ein beeindruckender und wohltuender Gegensatz. Wir sind mit Zwischenstopp am Grand Canyon, ein unglaublich beeindruckendes Naturerlebnis, zu Leo und Sara gefahren, die inmitten des weiten Reservates der Navajo am Fuße des heiligen Navajo Mountains leben. Sie wohnen dort mit ihrem noch zuhause lebenden Sohn Ryan in einem Holzhaus auf einem Hügel in der weiten Hochebene. Wir wurden sehr herzlich empfangen! Wir konnten im Haus Bad, Küche und Wohnzimmer mitbenutzen, und dort bekamen wir auch jeden Tag unser Essen.

Viel wurde geredet, und wir lernten im täglichen Zusammensein eine Menge über die Navajokultur, -Philosophie und -Spiritualität. Ich war tief davon berührt, mit welcher Offenheit, Liebe und Vertrauen die Familie uns begegnet ist. Wir fünf Frauen haben ca. 10 min weiter weg in einem Hogan, einem igluartigen Lehm- und Holzgebilde ohne Fenster und mit der Tür nach Osten gewohnt. Mit unseren Schlafsäcken und Isomatten haben wir uns auf dem Sandboden eingerichtet. Ein Ofen in der Mitte für die kühlen Nächte sorgte für wohlige Wärme.

Wir lebten die ganze Zeit aus dem Rucksack heraus. Der Hogan war uns von Buck Navajo, dem Schamanen, zur Verfügung gestellt worden. Er ist ein 77-jähriger alter Mann mit viel Humor und medizinischen Fähigkeiten, einer der wenigen, die noch über das alte Heilwissen verfügen. Mit Buck trafen wir uns im Hogan. Er stellte uns Fragen und wollte wissen, wie wir leben und woran wir glauben. Wir haben gemerkt, trotzdem wir aus so unterschiedlichen Lebenswelten kommen, dass sich unsere Glaubenseinstellungen, Werte und Hoffnungen doch sehr ähneln. Wir haben uns einander sehr nahe gefühlt. Zum Schluß hat uns Buck den Segen für Reisende gesungen: „Walk in Beauty” (möge uns das Gute überall begleiten!)

Gleich am zweiten Tag brachen wir zu einer zweistündigen Wanderung mit Trekking-Gepäck auf. Leo führte uns in einen Canyon hinein und dort zu einer Quelle und einem heiligen Platz, wo wir eine Schwitzhüttenzeremonie durchgeführt haben. Unter Leos Anleitung bereiteten wir alles vor: Den Boden säubern (wegen eventueller Kakteenstacheln usw.), Steine und Holz sammeln für das Feuer und die Schwitzhütte vorbereiten. Wir gaben uns andächtig der Zeremonie hin, die aus mehreren Schwitzrunden bestand, um alle bösen Kräfte herauszuwaschen und Platz für die guten zu schaffen. Es war sehr berührend, an Leos Gebeten und Gesängen teilzunehmen und angeleitet zu werden, uns, unsere Freunde und Familie, die Nachbarschaft und unser Land, sowie die Erde in vier Schwitzrunden zu segnen. Danach fühlten wir uns sauber und klar!.

Die Nacht haben wir unten an der Quelle verbracht, mit Zelt und Lagerfeuer und einem fantastischen Sternenhimmel über uns. Ab und zu heulte ein Koyote oder schrie ein Käuzchen. Ich hab mich noch nie so sicher und geborgen nachts in der freien Natur gefühlt.

Diese Zeremonie hat uns auf das, was dann noch kommen sollte, vorbereitet: Klettertouren auf den orangeroten Felsen und Mesas (Tafelberge) zu den Ruinen der Anasazi-Indianer, aufregende Jeepfahrten über Stock und Stein mit Abgrund rechts und atemberaubend steiler Felsenwand links (Originalton Leo: “If that rock up there moves, let me know, I´ll drive faster,” also: wenn dieser Stein da oben sich bewegt, sagt es mir, dann fahre ich schneller!).

Wir haben mit selbstgestochenem Lehm unsere eigenen kleinen Gefässe nach altem Vorbild hergestellt. Dann Frühstück und Fry-Bread-Orgien in Saras Küche. Wir lernten Saras Mutter Rose kennen, die mit ihren gebräunten und geschickten Händen selbst die Schafe schert und wundervolle “Wedding baskets” aus Sumac-Ästchen herstellt.

Barbecue mit der Familie im Sonnenuntergang am Lake Powell, Aufstieg zum „Newspaperrock“ im Morgengrauen auf den Spuren der Anasazi-Indianern, immer in Begleitung von “Kokopelli” dem Flötenspieler, dem Zauberer, dem Fruchtbarkeitsgott.

Führung von Leo zum “Hawkeye Arch”- einer Felsenbrücke, die eine Quelle birgt, ein heiliger Platz der Navajo.Dort wächst auch eine besondere Heilpflanze. Leo vor Ort: “So you´ve never heard the sound of silence? It´s a good sound, right?” (ihr habt noch nie den Ton der Stille gehört? Hört sich gut an, oder?).

Unser nächster Höhepunkt auf dieser Reise war ein sandstürmischer Ausritt im Monument Valley in der mattgoldenen, windgebeutelten Abendsonne in die Tiefe des Valleys hinein. Mit uriger Übernachtung wiederum in einem Hogan wurden wir von den Navajo-Indianern mit Gitarrenspiel und Gesang am Lagerfeuer in die Cowboy-Romantik versetzt. Mit einem „Wrangler“, der aussah, wie Charles Bronson und einer Kulisse wie in einem John Wayne Film!

Wir haben uns alle super verstanden, was ja auch wichtig war, wenn man auf engstem Raum zusammenlebt. “On the road again” untermalten wir unser Entlanggleiten auf den Highways durch die rotorangene Landschaft mit Trommeln vom Komanchen Pete Wyoming Bender (da muss man erst in die USA fahren, um die in Berlin aufgenommene CD zu hören). Wir kamen uns vor wie direkt aus dem Film “Thelma and Louise”.

Ich bin immer noch sehr berührt von meiner Reise und wäre gerne länger geblieben. Ich habe das Gefühl, es wird nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich Navajo-Mountain besuchen werde. Als wir uns im Morgengrauen von Leo verabschiedeten (die Jagdsaison hatte begonnen und er wollte mit Ryan los) bedankte er sich, dass wir die Reise zu ihnen gemacht haben- trotz der widrigen politischen Weltlage und kommentierte:” Sometimes you just can´t stop a good thing!” (manchmal kann man eben eine gute Sache einfach nicht verhindern/aufhalten!).

Katrin Richter

Teilnehmerin der Reise im Oktober 2001

Als PDF: ReiseberichtNavajoKatrinOkt01

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