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Reisebericht
"Im Land des schlafenden Regenbogens"


"The Pollen Path", die Mythologie der Navajo Indianer, Sommer 1998

Buck Navajo, Medizinmann der Navajo
Wir wollen Buck Navajo besuchen, einen der wenigen indianischen Medizinmänner, der noch in der Lage ist, die reiche Welt indianischer Spiritualität, Mythologie, Zeremonien und Heilkunst zu vermitteln und weiterzugeben. In einem abgeschiedenen Canyon führt er tatsächlich noch das ursprüngliche Leben der Indianer, bevor der weiße Mann ("The White Man") kam. Er verläßt im Sommer den Canyon nur, wenn er zu Zeremonien irgendwohin im Stamm gerufen wird.

Der Paiute Canyon
Schon die Anfahrt ist abenteuerlich. In Leo's unverwüstlichem Pickup Truck müssen wir uns zuweilen Zentimeter für Zentimeter über massive Felsbrocken hinweg manövrieren. Erst eine lange Strecke über das Plateau und dann in steilen Serpentinen zur Talsohle des Paiute Canyon.Wir fühlen uns wie in einer Zeit-maschine. Schon mit dem Eintauchen in den Canyon empfinden wir uns um Jahrhunderte zurückversetzt. Wir durchqueren mehrmals das trockene Flußbett mit seinen Cottonwood-Bäumen. Ab und zu sehen wir Andeutungen von Feldern, die man nur dadurch erkennt, daß eine Pflanzenart vorherrscht.

In der Ferne, auf der anderen Seite des Canyons, sehen wir weiße Pünktchen mit einem dunklen in der Mitte. Leo's scharfe Augen haben sofort Buck Navajo erkannt, der zu Pferd seine Schafe, durchmischt mit Ziegen, weidet. Er und seine Hunde sind damit beschäftigt, die Tiere zu bewegen, das steile Ufer hinunterzusteigen und das Flußbett zu durchqueren. Als wir näher kommen, begrüßen wir uns erst einmal auf Abstand. Buck ist sehr alt. Wie alt? Schwer zu sagen. Aber er reitet sein Pferd, als ob die beiden ein einziges Wesen wären.

Bucks Sommerhaus
Wir fahren voraus zu Bucks Sommerhaus, einem sogenannten Sommer-Hogan. Er hat nur ein Dach mit luftigen Reißern darum herum, die mehr abgrenzen, als daß sie eine Wand bilden. Bucks Frau, auch sehr alt, ist mit Hausarbeiten beschäftigt. In einem großen Kreis um den Hogan herum liegen verstreut allerlei Utensilien und Vorräte. Nach der Begrüßung unterhalten sich die beiden angeregt auf Navajo. Buck Navajo und seine Frau sind Leos Schwiegereltern. Leo stammt auch selbst aus einer Schamanen-Familie.

Schließlich ist Buck mit seiner Herde nachgekommen. Jetzt die richtige Vorstellung und Begrüßung. Langer Austausch von Familienneuigkeiten auf Navajo, eine Sprache von der gesagt wird, daß sie äußerst kompliziert sei.

Nach einer Weile lädt uns Buck zu einem lauschigen Platz unter einem Baum ein, der Schatten spendet und dessen Blätter im heißen Wüstenwind rascheln. Leo signalisiert mir, daß jetzt der geeignete Augenblick sei, das "Honorarium" zu übergeben. Das war ausgemacht. Ich ziehe eine 50$-Note heraus und reiche sie Buck. Er ergreift meine Hand mit großer Herzlichkeit und läßt sie längere Zeit nicht los. Es wird klar: Die Über-gabe der Banknote und seine Herzlichkeit haben nicht so viel miteinander zu tun, wie es erst geschienen hatte. Jetzt ist eben für ihn der Augenblick, um uns gastfreundlich aufzunehmen und uns seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Leo übersetzt. Buck spricht kein Englisch. Buck schlägt vor, daß er erst unsere Fragen beantwortet und dann uns einen Segen erteilt (Blessing). "Segen" klingt kirchlich. Es ist eher ein helfender Zauber.

Unsere "Session" mit Buck
Fragen? Natürlich wir wollen viel von ihm erfahren. Wir waren aber so beeindruckt von dieser alten indianischen Welt, daß wir erst einmal etwas perplex sind. Was gibt es da noch für Fragen? Buck schätzt uns richtig ein und fängt von selbst an zu erzählen.

Wir bekommen ein unmittelbares Gefühl dafür, welch tiefgreifendes, ja erschütterndes Erlebnis für die Navajo die Begegnung mit den ersten Europäern war, und zwar mit Spaniern, die von Mexiko hochkamen. Die Navajo waren ein kriegerisches, unbesiegtes Volk gewesen, das seinen Lebensraum gegen andere Stämme immer erfolgreich verteidigt hatte. Jetzt aber nützte Tapferkeit nichts mehr. Sie waren "outgunned," wie Leo sagt, also ungefähr "von überlegener Feuerkraft überwältigt."

Die Navajo sind einer der wenigen Stämme, die ihre Kultur in die neue Zeit hinüber retten konnten, welche in diesen Tagen sogar einer neuen Blütezeit entgegengeht. Das nächste einschneidende Erlebnis des Stammes war die Vertreibung des ganzen Stammes, nunmehr durch die "Anglos," also die angelsächsischen Weißen. Shamanen und Stammesältesten war es aber gelungen, sich in den unwegsamen Teilen der Canyons zu verstecken und ein geheimes Leben weiterzuführen. Diese waren es, die die Traditionen weitergeführt und wiederbelebt haben, nachdem sich die Masse des Stammes von den Amerikanern die Rückkehr ertrotzt hatte.

Der Pollenpfad
Buck führt uns in den Pollenpfad ("The Pollen Path") ein. Mit Pollen sind die Pollen des Mais gemeint. Sie sind eine zentrale Substanz mit hohem Symbolgehalt, um die sich die Spiritualität der Navajo rankt. Sie sind die Quelle, aus der ihr Grundnahrungsmittel entspringt; sie sind die Verbindung zur Mutter Erde, die behütet und heilt. Sie sind die Verbindung der Navajo zur "Natur", die für die Navajo beseelt und belebt ist und deren Teil sie gleichzeitig sind. Sie werden als Heilmittel eingesetzt.

Diese Verbindung ist nicht nur etwas innerlich Gefühltes, sondern eine reich belebte Landschaft, die die durch die vielen Mythen ("Stories") der Navajo ausgedrückt, beschrieben und gelebt wird. In den "Stories" tummeln sich eine Vielzahl von Gestalten, die den Charakter von Archetypen wie bei C.G. Jung (Schweizer Psychoanalytiker) haben. Jung glaubte, daß es für die Menschen zentrale Gestalten gibt, die in jedem schlummern, ohne daß er oder sie von diesen durch andere erfahren muß, z.B. das Pferd, die Fee, die Hexe usw. Die Archetypen sind verwoben mit dem Lebenspfad des Navajo, der sich lebenslang auf der Suche nach dem Ort der Geborgenheit befindet, geprüft wird, vom Pfad abkommt und ihn mit Hilfe der mythischen Wesen wiederfindet. Er strauchelt, wird von Krankheiten heimgesucht und wieder geheilt, Kraft aus den Maispollen ziehend, die in verschiedenen Anwendungen des Medizinmannes auf ihn einwirken.

Der Ausdruck "Pollen Path" steht symbolisch für ein ganzes Weltbild, das eine innere mit einer äußeren Lebenswelt verbindet. Der Pollen Path oder Pollen Way ist im Gegensatz zu der uns geläufigen religiösen Welt ein sehr viel akzeptierender, integrierender, willkommenheißenderer Lebensraum und hat nicht die strafenden Elemente, die wir uns aus einer Religion nur schwer wegdenken können.

Die mythischen Gestalten
Wir wollen hier aus dieser reich belebten Welt nur ein paar Gestalten vorstellen. Diese Gestalten und ihre Lebenswege sind sehr vielschichtig. Auf der obersten Schicht sind es fantastische Geschichten, die diese Gestalten durchmachen. Je mehr man sich durch Zeremonien, Tänze und Gesänge diesen Gestalten nähert, umso realer erscheinen sie und umso mehr Bedeutung haben sie für das eigene Leben. Da ist der wandernde Bettler, "The Beggar, Wanderer," der die nomadische Komponente aus der Geschichte der Navajo darstellt. Da ist die schillernde Figur des wandelbaren Coyote, "The Changing Coyote," der auch in den Mythologien anderer indianischer Stämme auftaucht. Er ist manchmal ein Mann, manchmal ein Gott, manchmal ein Tier, in jedem Fall trickreich, neugierig, auch geil, abenteuerlich und teuflisch herausfordernd, ein indianischer Mephisto. Es war dieser Coyote, der als erster das notwendige Übel des Todes erkannt hat und bei der Schöpfung ungeduldig die Sterne in den Himmel schleuderte statt abzuwarten, bis sie richtig angeordnet werden konnten. Coyote ist manchmal der Teufel, dann wieder Prometheus, dann Dionysius oder Don Juan, oder auch ein "sehr gut gekleiderter Mann." Ohne weiter auf Symbolgehalte einzugehen, spürt man eine größere Leichtigkeit, ja Verschmitztheit, als wir es von Spiritualität, ganz zu schweigen von Religion, gewohnt sind.

Der Gegenpol zum Coyote sind die Navajo Heiligen, "The Holy Ones," die die wohltätigen Götter der Navajo sind, wobei Begriffe wie "heilig" und "Götter" bei uns zu sehr vorbesetzt sind, als daß sie den Gehalt treffen, der ihnen bei den Navajo zukommt. Sodann gibt es den Träumer, "The Dreamer," der in der Rolle des Medizinmannes den Regen in der Wüste und den Menschen, "The People," die Zeremonien und die Gesänge bringt.

Ich frage Buck nach Einzelheiten der Heilzeremonien ("Healing ceremonies"), z.B. ob es dabei körperliche Berührung gibt. Ich interessiere mich dafür, wie die Welt des Pollenpfades weitergetragen wird. Buck erklärt: "Durch die mit besonderen Kräften ausgestattete Jungen, die bei Medizinmännern (auch Schamanen genannt) in die Lehre gehen." Ich will wissen, ob der junge Mann eines Tages dann sich selbst in der Lage fühlt, Zeremonien abzuhalten oder ob er eingesetzt und mit Befugnissen ausgestattet wird. Das letztere. Es wird deutlich, daß eine Methode, die Spiritualität rein zu halten, ein System von Befugnissen und Verboten ist. Verschiedene Leute dürfen verschiedene Zeremonien abhalten, andere nicht.

"Warum wollt Ihr das alles wissen?"
Plötzlich fragt Buck: "Warum wollt Ihr das alles wissen?" Hoppla, auf diese Frage bin ich nicht vorbereitet. Schließlich sage ich: "Das Christentum geht in unserem Land langsam zurück. Die Menschen suchen nach überzeugenderer Spiritualität. Viele finden eine solche im Buddhismus, der durch die Angelsachsen zu uns gekommen ist.

Der Pollenpfad erinnert in manchen Bezügen an Buddhismus, insbesondere die einladende und nicht fordernde Art, die helfende und nicht strafende Art." Buck hatte gesagt, daß der Pollenpfad davon ausgeht, daß ein Mensch, der etwas Unrechtes, Falsches getan hat, den rechten Pfad und damit die Gemeinschaft "Community") verlassen hat. Es gilt, ihn dazu einzuladen, auf den Pfad und in die Gemeinschaft zurückzukehren. Ich sage: "Wir stehen dem Buddhismus, wie auch dem Pollenpfad in einer suchenden Haltung gegenüber und möchten uns von ihm berühren lassen."

Buck ist sehr erfreut über das, was ich sage (Leo: "Buck is very pleased"). Er fragt: "Würde ich in Deutschland aus dem Land gejagt, wenn ich den Pollenpfad vertrete?" Ich sage: "Nein. Ich würde aber einiges umformulieren, ohne das Wesentliche zu verfälschen, und eine Vorstellungswelt wählen, die in der anderen Kultur verständlich ist." Buck findet das ungemein witzig. Wir können nicht richtig herausbekommen, was genau das Erheiternde daran für Buck ist.

Ich frage Buck, ob er einen Lehrling oder Jünger hat, dem er sein Wissen und Können weitergibt. Er sagt nur: "Nein."

Dann führt Buck für uns eine Zeremonie durch ("confers a blessing"), in der er uns aus dem Navajo Song "Walk in Beauty" Kraft auf den Weg mitgibt (ungefähr: "Schreite daher in Größe und Würde").


Buck Navajo

Anmerkung: Die Navajo haben inzwischen im Englischen Formulierungen gewählt, die ihren eigenen Begriffen wenigstens annähernd entsprechen. Ich habe daher an vielen Stellen die englischen Begriffe beigefügt, um die Begriffe nicht weiter zu verfälschen.

Dr. Hartmut Grebe
7Meilen Erlebnisreisen

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